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Warum ein Nein auch ein Ja ist und was das mit Pippi zu tun hat.

Als ich ein kleines Mädchen war, gab es ein anderes kleines Mädchen in meinem Leben: Pippi Langstrumpf.

Von mir innigst geliebt und von meiner Mutter ebenso innig verabscheut hat Pippi meine Kleinmädchengedanken auf den Kopf gestellt. Sie war mein allererstes Vorbild und hat bis heute einen festen Platz in meinem Leben.

Pippi ist quirlig, aufsässig und hat ein turbulentes und aufregendes Leben – also alles, was ich für mich und mein Leben auch wollte und will.

Vor allem aber nimmt sie sich etwas heraus, das mir damals faszinierend und zugleich auch unmöglich schien: Sie steht für sich ein, sie sagt Nein und folgt ihren eigenen Regeln und Bedürfnissen.

Ich – behütet aufgewachsen und zu bescheidenem Auftreten und Gehorsam gedrillt (eine typische Annika halt…), sollte noch Jahre brauchen, um mir die Vorzüge meines Vorbildes Pippi anzueignen.

Persönliche Grenzen kennen und wahren, Nein sagen lernen und die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen – das sind auch die Themen, die in meinen Workshops, Seminaren und auch in der persönlichen Beratung am häufigsten auftauchen.

Besonders (hochsensible) feinfühlige Menschen tun sich schwer damit, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und nach außen zu kommunizieren.

An dieser Stelle Hand aufs Herz: Wie oft denkst du bei einer Bitte oder einer Aufforderung, etwas zu erledigen oder eine Aufgabe zu übernehmen zuerst an dich selbst?

Wie oft machst du es wie Pippi Langstrumpf und denkst an die Vorzüge, die es hätte, wenn du NEIN sagen würdest?

Laut einer Umfrage von statista (de.statista.com) fällt es 36% der Männer und 47% der Frauen bei Ihrem Chef schwer, Nein zu sagen.

Beim Ehepartner fällt das Ergebnis noch höher aus: Nämlich 52% der Männer und 46% der Frauen sagen Ja, obwohl alles in ihnen Nein sagen möchte – das ist die Hälfte!

Auf 14% kommt das Nein zum Hundeblick und lediglich 8-10% gaben an, dass es ihnen nicht schwer fällt, Nein zu sagen.

Diese Ergebnisse sprechen für sich – also ein klarer Fall, um sich mit Pippi Langstrumpfs Konzepten vertraut zu machen!

Warum haben wir Angst, uns abzugrenzen und Nein zu sagen?

Das sind die häufigsten Gründe:

  • Wenn ich Nein sage, wird mich der andere ablehnen und nicht mehr mögen
  • Meinetwegen wird der andere enttäuscht, gekränkt, verletzt oder noch schlimmer – verärgert sein.
  • Wenn ich Nein sage, gelte ich als herzlos, egoistisch und nicht kooperativ.

Die ersten Neins hören wir alle erfahrungsgemäß von unseren Eltern oder anderen ersten engen Bezugspersonen.

In unserer sogenannten Trotzphase entdecken wir dann dieses Wort für uns. Dann ist erst mal alles ein Nein. Genussvoll und vehement sprechen wir es aus.

Dann folgen die ersten Erfahrungen mit unserem Nein. Von Unverständnis, Ablehnung und auch Zurechtweisungen bis hin zu Schlägen und Weg-gesperrt-werden kann alles dabei sein und so wird uns meist noch vor dem 4. Lebensjahr beigebracht, dass ein Nein nicht gut und auch oftmals nicht akzeptiert wird.

Schon als ganz kleines Kind lernen wir: Nein sagen kann allerhand negative Reaktionen hervorrufen. Nein sagen ist nicht gut für uns.

Schon da verinnerlichen wir: Sich anpassen, Ja sagen, die Bedürfnisse der anderen zu erfüllen ist besser und bequemer.

Und hier habe ich wichtige Fragen für dich:

Woher kommt diese meine Scheu oder Angst, Nein zu sagen?

Wer hat mir dies vorgelebt?

Welche Konsequenzen gab es, als ich ein Kind war?

Ich wurde beispielsweise als Kind in den dunklen und feuchten Keller gesperrt, wenn ich nicht angepasst und folgsam war.

Es müssen aber nicht solche traumatischen Erlebnisse gewesen sein, die dich daran gehindert haben, DU zu sein und deine Bedürfnisse zu äußern, um Angst vor dem Nein sagen zu haben!

Manchmal reichen auch strafende Blicke oder die Androhung, nicht mehr liebgehabt zu werden.

Es lohnt sich also wirklich, in die Kindheit zurückzugehen und sich anzuschauen, was man mit wem erlebt hat.

Wenn du Ja sagst, obwohl du Nein meinst, ärgerst du dich über dich selbst, dein Selbstwertgefühl leidet und du fühlst dich ausgenutzt und über längere Zeit fühlst du dich als Opfer.

Was kannst du also tun, um nicht länger ein Ja-Sager, eine Ja-Sagerin zu sein und endlich für dich und deine Bedürfnisse einzustehen?

Am besten nimmst du dir Stift und Papier zur Hand.

Mache dir bewusst, was deine Bedürfnisse sind!

In welchen Situationen und mit wem fällt es dir schwer, Nein zu sagen?

Frage dich: Wovor habe ich Angst? Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich Nein sage?

Nein ist ein ganzer Satz!

Kennst du die sogenannten Nein-sage-Tage?

Anne Heintze, eine Coachin und Autorin für Hochsensible und Hochbegabte, schlägt in einem ihrer Bücher diese Übung vor:

Nimm dir vor, an einem Tag in der Woche konsequent Nein zu sagen. Zu allen Fragen, Bitten oder Anweisungen – sag Nein.

Ich weiß, das hört sich seltsam an, aber es hilft wirklich! Allein die Tatsache, dass du darüber nachdenken musst, es zu tun, hilft dir schon, dir bewusst zu machen, was du antworten würdest.

Ich habe diese Nein-sage-Tage schon mit einigen meiner Klient*innen probiert und die Ergebnisse sind wirklich erstaunlich!

Deine Selbstachtung wird mit jedem Mal steigen, dein Vertrauen in dich selbst wird mit jedem Nein wachsen.

Ganz wichtig: Hab Geduld mit dir und übe einfach fleißig weiter. Irgendwann kannst du es – einfach so aus dir heraus.

Was du gewinnst, wenn du lernst, für dich und deine Bedürfnisse einzustehen:

  • Respekt – vor allem dir selbst gegenüber. Und das stärkt dein Selbstvertrauen
  • Das Gefühl, DEIN Leben zu leben und nicht fremdbestimmt zu agieren
  • Zeit für das Wesentliche in deinem Leben – Familie, Freunde, Zeit für dich
  • Echte und ehrliche Beziehungen zu Menschen in deinem Leben (Wer dich nur mag, wenn du angepasst bist und Ja sagst, der mag dich nicht wirklich)
  • Ruhigere Nächte ohne Gedankenkarussell, weil du weniger Stress hast

Und hier noch mehr praktische Übungen, um Nein sagen zu lernen:

1. Übe Kommunikation. Lege dir Sätze und Worte zurecht und übe sie zuhause – am Besten laut und vor einem Spiegel.

Beispiele:

-Dazu habe ich heute keine Zeit/keine Lust

-Das geht gerade nicht

-Ich bin heute schon ausgelastet

-Das möchte ich nicht

-Ich kann das nicht jetzt entscheiden

-Das wird mir heute zu viel

-Ich möchte eine Nacht drüber schlafen…

Achte darauf, dich nicht zu rechtfertigen. Du hast das Recht, Nein zu sagen – ohne Erklärungen und Rechtfertigungen!

Wie sagt es Pippi Langstrumpf so treffend:

Was in aller Welt ist mit euch los? Ich will euch nur sagen, dass es gefährlich ist, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht“.

2. Lege dir für den Anfang ein paar harmlose Notlügen zurecht.

Die sollen natürlich nicht zur Gewohnheit werden;-) Aber Zu Beginn deiner Übungsphase darfst du dir das erlauben.

3. Nimm dir ein Blatt Papier und schreibe auf eine Seite ein großes JA und auf der Rückseite ein großes NEIN.

Nun halte dir abwechselnd beide Seiten in Armlänge vor dich und mache dir Folgendes bewusst: Sage ich Nein zum Gegenüber, sage ich Ja zu mir. Sage ich Ja zum Gegenüber, sage ich Nein zu mir!

Keine Sorge: Du wirst jetzt nicht zum totalen Egoisten und Immer-Nein-Sager! Irgendwann wirst du ohne Probleme die für dich richtige Balance finden.

Wenn du

deine Bedürfnisse achtest und klare Grenzen ziehst,

wenn du lernst, ehrlich und authentisch zu agieren und

wenn du immer öfter ganz ohne Scheu und Gewissensbisse Nein sagst –

Dann

gewinnst du größere Freiheit, dein Leben zu leben,

du bekommst mehr Vertrauen in dich

und du hast Menschen an deiner Seite, denen es wirklich um dich geht.

Ich habe viele Jahre gebraucht, um meine Bedürfnisse wichtiger zu nehmen als die der anderen, aber jetzt kann ich es. Ich kann dir sagen: DAS ist ein gutes Gefühl!

Und jetzt wünsche ich dir auf der Reise zu dir selbst und zu deinen wirklichen Bedürfnissen alles Gute! Und wenn du Unterstützung und Hilfe dabei brauchst – melde dich für ein kostenfreies Erstgespräch. 

Vergiss niemals Pippis Worte:

Lass dich nicht unterkriegen; sei frech und wild und wunderbar!“

Foto: Unsplash

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